Kommentar zum Telekom-Video „Keine Angst vor der IP-Umstellung“

In ihrem YouTube-Kanal hat die Telekom ein Video mit dem Titel „Keine Angst vor der IP Umstellung: Beispiel Infas“ online gestellt. In diesem Beitrag geht es darum, dass das Umfrageinstitut Infas ihre Telefonie von ISDN auf VoIP (SIP) umgestellt hat.

Zumindest sind aktuell die Callcenter-Anschlüsse auf VoIP umgestellt worden, die Geschäftstelefonie läuft (noch) über ISDN. Ich hatte bereits bereits in einem anderen Beitrag angemerkt, dass bei VoIP Vorteile gegenüber ISDN benannt werden, die keine sind, und Nachteile verschwiegen werden. Dies setzt sich auch in diesem Beitrag for.

Ein Nachteil, den VoIP gegenüber ISDN nachwievor hat, wird direkt in 2:50 angesprochen: ISDN hat in Stein gemeißelte „Cause“s, also Situations/Fehler/Statuscodes. Diese sind zahlreich, genormt und decken eigentlich alle wichtigen Situationen ab, während es bei SIP von etlichen Faktoren abhängig ist, wann was wie signalisiert wird bzw. ob überhaupt.

Der IT-Leiter zeigt einen größeren Server, der für die ausgehenden Telefonate zuständig ist bzw. war. Es heißt, mit ISDN wären 90 Gesprächskanäle maximal möglich. Das ist Unsinn. 90 Gesprächskanäle entsprechen 3 PMX-Anschlüssen. Natürlich könnte man hier schlicht weitere PMX-Anschlüsse schalten. Es ist denkbar, dass bei Situation vor Ort die Leitungskapazität der Amtsleitungen oder die der Vermittlungsstelle erschöpft ist, aber das Problem liegt nicht in ISDN als Technologie begründet.

Es wird bei 3:55 behauptet, dass ISDN-Karten nicht mehr erhältlich seien. Dazu ist festzuhalten: Es gibt nachwievor ISDN-Karten zu kaufen, allerdings wird in dem Bereich sicherlich nicht mehr (viel) entwickelt. Im Gegensatz dazu gibt es aber längst und immer noch einen Markt mit ISDN Gateways. Diese erleben gerade wachsenden Umsatz, da Bestandssysteme bei VoIP-Umstellungen per Gateway angeschaltet werden, statt sie zu erneuern. Einer der Hersteller, Audiocodes, ist bei dem Kunden sogar auch im Einsatz und im Bild zu sehen. Man hätte die Audiocodes-Gateways einfach nur mit PRI-Modul beschaffen müssen, und dann hätte *exakt* das Setup das dort jetzt als das „moderne“ zu sehen, ist auch von ISDN angetrieben werden können.

Mit der Argumentation „Telefonie über SIP braucht eine gewisse CPU-Geschwindigkeit“ wird verkauft, dass das für das, was früher ein (alter) Server gemacht hat heute nötig sind:

  • 3 Audiocodes-Gateways
  • 3 physikalische Server
  • 1-4 (?) Server als eine VM

Die Vorteile von neu gegenüber alt seien sehr viel weniger Platzbedarf und deutlich gesunkener Stromverbrauch. Der gesunkene Platzbedarf ist rein optisch, anhand dessen, was im Video zu sehen ist, nicht nachzuvollziehen. Ebenso wenig der gesunkene Stromverbrauch. 5-9 Server/Gateways benötigen „sehr viel weniger“ Strom als ein einzelner Server, den man ggf. auch mal einfach hätte erneuern können?

Der Leiter erklärt weiter: statt wie mit ISDN 90 Gesprächskanälen seien jetzt 200 möglich. Zum Vergleich: PCI-ISDN-Karten gibt es z. B. mit 4x PRI=120 Gesprächskanälen. Um den zusätzlichen Bedarf zu decken, hätte man also z. B. in den alten Server einfach nur eine 4xPRI-Karte zusätzlich einbauen können und wäre fertig gewesen. Offensichtlich wäre sogar noch ein Steckplatz dafür frei gewesen.

Im Anschluss an das Interview mit dem Kunden wird ein „Key Accounter“ der Telekom befragt. Er sagt, die Umstellung sei ein „sehr, sehr spannender Prozess“ gewesen und sie mussten „sehr früh viele Kollegen“ einbinden, und es sei seine „sehr, sehr individuelle“ Lösung entwickelt Für die Umstellung eines (zugegebenermaßen etwas dickeren) Telefonanschlusses? Ernsthaft?

Auf was ich an dieser Stelle hinaus möchte: Als Vorteile der Umstellung werden angegeben, dass man jetzt mehr Gespräche parallel führen kann als früher und dass die Technik weniger Strom verbraucht. Beide Vorteile sind *nicht* im Kern auf die Umstellung von ISDN auf SIP zurückzuführen. Wenn denn wirklich der Stromverbrauch gesunken ist (was ich auf Basis der Schilderungen im Video nicht nachvollziehen kann), dann hätte man das auch erreichen können, indem man bei bestehender Kommunikationsarchitektur modernere Serverhardware anschafft. Und für weitere Gesprächskanäle hätten einfach nur zusätzliche PMX-Anschlüsse geschaltet werden müssen.

Das ist das eine. Das andere ist: durch die Umstellung ergeben sich hier – wie oft bei VoIP-Umstellungen- *keine Vorteile für die Nutzer*. Wenn ich auf eine modernere Telefonie umsteige, und das offenbar unter hohem Aufwand, dann würde ich auch Vorteile für die Telefonierenden erwarten. So etwas wie

  • bessere Sprachqualität
  • höhere Verbindungsqualität
  • kürzere Rufaufbauzeiten
  • weniger Jitter

Diese Punkte wurden sämtlichst verschwiegen. Bei 7:30 weist der „Key Accounter“ der Telekom darauf hin, dass man mit der IP-Plattform ja auch neue Ideen umsetzen könne. Hier werden jedoch keine Beispiele angegeben. Warum wohl?

Bei 8:05 wird hochgradig subtil das Thema angeschnitten, dass durch Abschaltung von ISDN-Anschlüssen, selbst wenn kein DSL verfügbar ist, künftig nur noch POTS-Anschlüsse möglich sind und dass dadurch die IP-Zustellung „zunächst als Rückschritt“ erscheint (vgl. https://technikgedoens.de/archives/249). Nein, der erscheint nicht nur so – Menschen, die einen Haufen Leistungsmerkmale, mehr als einen Gesprächskanal, Durchwahlanschlüsse, etc. verlieren, werden in die kommunikationstechnische Steinzeit geworfen. Und das wäre absolut nicht nötig, man bräuchte für die neu aufgestellten MSANs in den Vermittlungsstellen einfach nur ISDN-Linecards zu beschaffen.

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